Offener Brief zur KultusministerInnenkonferenz

Offener Brief an die 326. Kultusministerkonferenz am 18. und 19. Juni 2009 in Berlin
Klimaschutz, Ökostrom und Energieeffizienz an Hochschulen

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Mitglieder,

als Netzwerk Klimagerechte Hochschule, einem bundesweiten Zusammenschluss studentischer Umweltgruppen an mehr als zwanzig verschiedenen Hochschulen in Deutschland, wenden wir uns mit diesem offenen Brief an Sie. Wir müssen feststellen, dass die deutschen Hochschulen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung für den Schutz des Klimas bislang kaum gerecht werden. Wir fordern daher, dass Sie als KultusministerInnen explizit für eine nachhaltige Energiewende an deutschen Universitäten eintreten und alle Anstrengungen dahingehend aktiv untersützen.

Klimaschutz ist die große gesellschaftliche Herausforderung des 21. Jahrhunderts – das ist spätestens seit dem 4. Sachstandsbericht der Sachverständigengruppe für Klimaänderungen (IPCC) wissenschaftlicher und politischer Konsens. Zudem ist man sich darin einig, dass der Klimawandel neben wissenschaftlichen und technologischen Innovationen vor allem eine Umstellung unseres ressourcenintensiven Lebensstils erfordert: hin zu einem zukunftsfähigen und klimagerechten Lebenswandel, der die Belastungen des Klimasystems durch die Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen minimiert und dabei auch Rücksicht auf jene nimmt, die vom Klimawandel am stärksten betroffen sind.

Trotz dieser Tatsachen scheint das Thema Klimaschutz an deutschen Hochschulen bislang nicht angekommen zu sein bzw. ernst genommen zu werden. Noch immer weisen – aufgrund des alten Gebäudebestands vor allem die traditionsreichen Universitäten – äußerst schlechte Energie- und Klimabilanzen auf. Wenn überhaupt in Angriff genommen, haben Anstrengungen zur Senkung des universitären CO2-Ausstoßes durch die Verringerung von Energie- und Ressourcenverbrauch allenfalls Einzelfallcharakter. Mittel- bis langfristige Strategien und Konzepte sucht man vielerorts hingegen vergeblich. Geeignete Lehrveranstaltungen, in denen Klimaschutz und Klimagerechtigkeit thematisiert werden, fehlen an den meisten Universitäten. Falls diese doch vorhanden sind, wurden sie häufig von Studierenden ohne besondere Unterstützung der jeweiligen Hochschule initiiert. Darüber hinaus zeichnet sich der überwiegende Teil der Hochschullandschaft durch intransparente und nicht-partizipative Entscheidungsstrukturen aus, die es Studierenden kaum ermöglichen, Klimagerechtigkeit an Hochschulen aktiv mitzugestalten. Kurz: die deutschen Hochschulen nehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung in Sachen Klimaschutz bislang kaum wahr.

Wir sehen Hochschulen als öffentliche Bildungseinrichtungen mit besonderer Strahlkraft und gesellschaftlicher Vorbildfunktion jedoch in der Pflicht, auch im Bereich Umwelt und Klimaschutz eine Vorreiterrolle zu übernehmen und gesellschaftliche Prozesse im Sinne einer klima- und zukunftsgerechten Entwicklung zu beeinflussen. Vor diesem Hintergrund müssen Universitäten einerseits Orte sein, an denen Klimagerechtigkeit aktiv gelebt wird – z.B. durch Energieeinsparung, Energieeffizienz und der Nutzung erneuerbarer Energien. Andererseits ist es aus unserer Sicht Aufgabe der Hochschulen, technologische, institutionelle und soziale Innovationen im Bezug auf effektiven Klimaschutz in die Gesellschaft zu tragen und an der Entwicklung und Formulierung zukunfts- und klimagerechter Technologien und Lebensstile entscheidend mitzuwirken – dies muss vor allem durch die Integration von Klimaschutz und Klimagerechtigkeit in Forschung und Lehre und auch durch verstärkten Wissenstransfer in Länder des globalen Südens geschehen.

Ein erster, besonders effektiver und unaufwendiger Schritt auf dem Weg zur klimagerechten Universität ist der hochschulweite Wechsel zu Stromanbietern, die Strom zu 100 % aus erneuerbaren Energien bereitstellen und nachweislich in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren. Dieser Umstieg sollte dabei – im finanziellen Interesse der Hochschulen – mit dem Ausschöpfen der universitären Energiesparpotenziale und einer effizienteren Nutzung der Energie verknüpft werden.

Hierzu kann Marburg als positives Beispiel dienen: die Philipps-Universität kommt ihrer Verantwortung inzwischen ein Stück weit nach und hat die Stromneuausschreibung unter ökologischen Kriterien noch für dieses Jahr angekündigt.

Als Instanz mit entscheidendem Einfluss auf die Hochschulpolitik und die Fortentwicklung einer klimagerechten Hochschullandschaft fordern wir Sie daher auf, diesen Einfluss dahingehend zu nutzen, dass Hochschulen der Wechsel zu erneuerbaren Energien erleichtert bzw. ermöglicht wird. Wir rufen Sie weiter dazu auf, die erforderlichen Maßnahmen anzustoßen und ggf. zu ergreifen, damit Universitäten ihre Energiespar- und Energieeffizienzpotenziale ausschöpfen (können).

Hierzu sind vielerorts institutionelle Schranken abzubauen, die es Hochschulen bislang erschweren, Ökostrom zu beziehen oder Energiesparmaßnahmen zu ergreifen. So sind viele Universitäten in landesweiten Stromlieferverträgen „gefangen“ – eine Kündigung solcher Verträge ist für die Hochschulen dann in der Regel mit erheblichen Mehrkosten verbunden. Andererseits gilt es genauso, Informations- und Wissenslücken zu schließen – an einigen Hochschulen wird der Bezug von Strom aus regenerativen Energien bei der Ausschreibung der Stromlieferverträge aus Unkenntnis nicht einmal in Betracht gezogen; einige Universitäten verfügen zudem nur über lückenhafte Daten hinsichtlich der Energiebilanz ihres Gebäudebestands und müssen in der Erhebung der relevanten Daten institutionell und finanziell unterstützt werden.

Wir möchten Sie dazu auffordern, sich dafür einzusetzen, dass sich das Hochschulwesen in Deutschland stärker im Klimaschutz engagiert. Nur wenn auch Hochschulen die Herausforderung des Klimaschutzes ernst nehmen und ihre Strahlkraft als Chance verstanden wird, gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben, kann der Umstieg auf eine zukunftsfähige und klimagerechte Gesellschaft gelingen.

Mit freundlichen Grüßen,

das Netzwerk Klimagerechte Hochschule

Referat für Ökologie und Verkehr beim StudentInnenRat der Universität Leipzig, Grüne Uni an der FU Berlin, Umweltreferat des Studentischen Konvent an der Katholischen Universität Eichstätt/Ingolstadt, Umweltreferat beim Asta der Universität Lüneburg, Umweltreferat des StudentInnenRats an der TU Ilmenau, Klimaaktionsgruppe der Fachschaftskonferenz an der Universität Heidelberg, Ökologiereferat des Asta an der TU Darmstadt, Umweltreferat des Asta an der Universität Flensburg, Referat für Umweltgerechte Entwicklung des StuRa der Universität Cottbus, Referat für Umwelt des Asta an der Universität Marburg, kine e.V. an der Universität Karlsruhe, Referat für Ökologie und Verbraucherschutz des Asta an der Universität Kassel.